50. Runder Tisch NRW

Am 4. Dezember 2019 trafen sich die Mitglieder des Runden Tisches NRW gegen Beschneidung von Mädchen zum 50. Mal. Für dieses Jubiläumstreffen wurde das Schloss Garath im Süden Düsseldorfs ausgewählt. Im Festsaal des Schlosses entstand, dem Anlass entsprechend, eine ganz besondere Stimmung.

Das 50. Treffen sollte auch ein Dankeschön an alle Teilnehmer*innen des Runden Tisches NRW sein, die in den 13 Jahren so intensiv mitgearbeitet haben und in ihren Bereichen und Regionen mithalfen zu informieren, zu schützen und zu beraten.

Die Moderation wurde von Julitta Münch übernommen, die einigen vielleicht noch als erste Moderatorin des „ARD-Morgenmagazin“ sowie viele Jahre lang als Gesicht der Sendung „Hallo-Ü-Wagen“ bekannt ist. Mit ihrer besonderen Fähigkeit, in hartnäckigen, aber immer menschlichen Gesprächen, den Kern unseres Themas herauszustellen, erarbeiteten wir gemeinsam zentrale Punkte und Zuständigkeiten für die künftige Arbeit des Runden Tisches NRW.

Im Mittelpunkt standen Interviews mit den vielen Expert*innen des Runden Tisches NRW. Auf einzelne Reden wurde verzichtet. Besonders gefreut haben wir uns darüber, dass die Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung Ina Scharrenbach über eine sehr lange Zeit am Jubiläumstreffen teilnehmen konnte.

Im Gespräch mit der Ministerin Ina Scharrenbach wurde die große Unterstützung des Ministeriums bei der Förderung der vielen Projekte im Bereich Mädchenbeschneidung herausgestellt.

Noch in diesem Jahr soll der Neudruck der Broschüre „Nicht mit mir!“ sowie der Info-Plakate abgeschlossen werden. Die Bilder der Broschüre werden für ein Handyvideo aufbereitet. Weiterhin bereitet das Ministerium derzeit ein Erklär-Video zum Thema vor.

Die Ministerin signalisierte die weitere Unterstützung des Runden Tisches NRW und sagte zu, auch andere notwendige Ministerien einzubeziehen.

Jawahir Cumar stellte ihre Arbeit in der Beratungsstelle stop-mutilation dar und machte deutlich, wie schwer es ist, die betroffenen Frauen zu erreichen, da sie oftmals ganz andere Probleme haben. Die erlittene Genitalbeschneidung sei vorrangig kein Thema. Zunächst müsse sie bei ganz alltäglichen Sorgen helfen.

Seit nunmehr 20 Jahren berät sie betroffene Frauen. Jawahir Cumar hat den Runden Tisch NRW mitgegründet und ist die zentrale Stütze unsere Arbeit.

Für den Newsbereich des Bildungsportals recherchieren wir weltweit in den Medien und erfuhren dadurch vor wenigen Tagen von dem Film „In the Name of your Daughter“, der von den Mädchen in Tansania erzählt, die im Beschneidungsmonat Dezember in Schutzhäuser flüchten, um nicht beschnitten zu werden. Maren Bröer hat dort gearbeitet und konnte von dieser Arbeit erzählen.

Der Film eignet sich sehr gut für unsere Bildungsarbeit und wir werden ihn mit Maren Bröer in Deutschland zeigen und zur Verfügung stellen. Es sind vor allem die Aussagen der kleinen Mädchen, die deutlich machen, dass sie die Beschneidung ablehnen.

Der Gynäkologe Dr. med. Christoph Zerm sprach über die medizinischen Beratungsstunden, die er gemeinsam mit Jawahir Cumar durchführt. Es ist eine spezialisierte, ganzheitliche Beratung, in der viele Probleme besprochen werden. Oft sind es seine Gutachten, die den Behörden die Möglichkeit geben, neu über eine rechtliche Situation zu entscheiden.

In Vorlesungen und Veranstaltungen versucht er, sein Wissen an seine Kolleg*innen weiterzugeben, die leider nur sehr selten über ausreichende Kenntnisse verfügen. Er ist aber optimistisch, da inzwischen mehrere Kolleg*innen seine Arbeit unterstützen.

Dr. med. Jürgen Krömer, der für die Ärztekammer Nordrhein sprach, gab Dr. Zerm recht. Die Kolleg*innen aus der Kindermedizin, der Urologie und der Gynäkologie aber auch die Hausärzt*innen müssten stärker fortgebildet werden.

Es wäre zwingend nötig, das Thema in der Ausbildung zu verankern. Diesen Punkt wird der Runden Tisch NRW weiterverfolgen, das Gesundheitsministerium sollte dazu auch angesprochen werden.

Als Kinderärztin und Landesvorsitzendes des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzt*innen sieht Dr. Christiane Thiele ihre Aufgabe auch darin die Mütter aufzuklären und mit dafür zu sorgen, dass sie ihre Töchter nicht beschneiden. Sie erzählte einen Fall, in dem es viele Begegnungen brauchte, bis sie die Mutter überzeugen konnte. Diese bat dann sogar um Aufklärungsmaterial, um ihre Umgebung aufzuklären.

Als Ärztin würden ihre Mitarbeiter*innen auch darin geschult, wie dieses Thema sensibel angesprochen werden kann. Leider sei es in der Kindermedizin ähnlich wie vorher aus der Gynäkologie beschrieben, für die meisten, vor allem die männlichen Kollegen, ist es einfach kein Thema. Es mache einfach mehr Arbeit und man müsse sich intensiv damit beschäftigen.

Simone Philipsenburg-Benger konnte für den Landesverband der Hebammen berichten, dass viel in Bewegung ist und Fortbildungen geplant sind, die mit dem Webinar-Bereich von KUTAIRI gemeinsam entwickelt werden könnten.

Gleichzeitig hofft sie, dass das Thema durch die Akademisierung ihres Berufes auch Teil der Ausbildung wird. Zusätzlich regt sie an, Aufklärungsmaterial zu bündeln und z.B. über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung präsenter zu machen. Für alle Beteiligten sei es hilfreich, wenn ein wenig mehr Sicherheit bei der Wahl von Informationen vermittelt würde. Auch diese Punkt werden wir verfolgen.

PD Dr. Dan mon O’Dey erläutert, wie er viele Jahre lang die Wiederherstellung weiblicher Genitalien erforscht hat, da er mit den bisherigen Möglichkeiten unzufrieden war. So konnte er eine Technik entwickeln, die inzwischen weltweit anerkannt wird und einzigartig in Deutschland ist. Mehr als 400 Rekonstruktionen sind ein beispielhafter Erfolg. Es ist schade, dass bei seinen Kolleg*innen nur wenig Interesse besteht, diese Technik zu erlernen um sie in all ihren Feinheiten anwenden zu können.

Dr. Zerm macht deutlich, dass die Unkenntnis auch im medizinischen Raum damit zu tun hat, dass die Klitoris bis vor Kurzem ein im Grunde unbekanntes Organ war. Der Zuruf aus dem Publikum, „Für Männer!“, stieß auf heitere Zustimmung, wurde aber von Dr. Zerm nicht bestätigt. Bei seinen Vorträgen seien im Grunde immer 90 Prozent Frauen und auch diese wüssten in der Regel wenig von der Größer der Klitoris. Es sei auch für die Frauen ein weitgehend unbekanntes Organ, weil es in Schulbüchern und Anatomieatlanten Mangelware sei.

Deutliche Unterstützung kam dafür aus dem Publikum. Die Tabus würde bei den deutschen Eltern genauso sichtbar wie bei ausländischen, wenn sie gefragt würden, wie sie mit ihren Kindern über Sexualität sprechen würden.

Das Problem, dass Eltern ihre Kinder nicht zum Unterricht schicken, wenn Sexualkunde ansteht, löst Manuela Haverkamp, Leiterin einer Grundschule in Düsseldorf dadurch, dass sie die Einverständniserklärung vorher unterschreiben lässt, die genauen Termine aber vorher nicht bekannt gibt. Die Kinder von Eltern allerdings, die ihr Einverständnis nicht gäben, dürfen am Sexualkundeunterricht nicht teilnehmen.

Von TERRE DES FEMMES in Dortmund kam der Hinweis auf die Arbeit unserer niederländischen Kolleg*innen, die sehr viel informativer und selbstverständlicher mit dem Thema umgehen und im Sexualkundeunterricht sowohl die Beschneidung von Jungen wie auch die von Mädchen thematisieren.

Frau Haverkamp hat bei einer Minimalabfrage in 10% der Düsseldorf Grundschulen herausgefunden, das fast überall Mädchen aus den wichtigsten Prävalenzländern unterrichtet werden, ohne dass die Schulen darüber informiert sind, dass die Mädchen gefährdet sein können. Sie empfiehlt daher dringend eine flächendeckende Abfrage, verbunden mit einer entsprechenden Information der Schulleitung und des Kollegiums. Nur in dieser Kombination kann das Interesse deutlich gesteigert und der Schutz der Mädchen damit erreicht werden.

Zur Rolle der Männer wurde Ibrahim Guèye befragt, der mit seinem Verein „Jappoo – Senegalesen in NRW“ eine intensive Männerarbeit leistet. Er konnte über diese Arbeit mit afrikanischen Männern berichten, die meist mit der Unterstützung durch Dr. Zerm durchgeführt wird.

Bei den Männern kann immer wieder beobachtet werden, dass sie im Bereich Mädchenbeschneidung nicht unmittelbar beteiligt sind. Gleichzeitig ziehen sie sich aber auch völlig aus der Verantwortung gegenüber den zu beschneidenden Mädchen heraus. Ein Zukunftsziel muss daher sein, den Männern mehr Verantwortung zu übertragen, um dieses grausame Ritual abzuschaffen.

Im Laufe des Runden Tisches sind viele Punkte zusammengekommen, die von Julitta Münch auf einer Flipchart notiert wurden – möglichst schon mit Namen von Kolleg*innen, die sich für das jeweilige Thema einsetzen wollen. Der letzte Part des Runden Tisches gehörte der Aufarbeitung mit Günter Haverkamp.

Zum „Schutzbrief“ für die Familien, die ihre Mädchen vor dem Zugriff ihrer Familien schützen wollen, gibt es noch keine Information. Ob wir an einem vielleicht nun bundesweit entstehenden Entwurf mitarbeiten dürfen, ist noch nicht bekannt. Wir wünschen es uns auch im Hinblick auf mehr Sensibilität, die wir dringend einbringen wollen.

Wir können die Frauen, die bei Dr. O’Dey in Aachen eine OP durchführen lassen, nicht mit den zusätzlich anfallenden Kosten, wie mehrmalige Fahrtkosten, Übernachtungskosten auch für die wichtigen Vertrauenspersonen, allein lassen. Dafür haben wir einen Fonds gegründet, in dem schon 3.000 Euro eingegangen sind. Es muss mehr werden, wenn wir öffentlich das Versprechen bekanntgeben wollen, dass wir im Bedarfsfall einspringen können.

Julitta Münch bedankte sich zum Schluss für die sehr intensiven und aktiven Beiträge. Sie sei sehr beeindruckt von dem Engagement, dass spürbar war. Das könne allen Kraft geben für die Fortsetzung der eigenen Arbeit und der beim Runden Tisch NRW.

Der nächste Runde Tische NRW findet am 18. März 2020 mit dem Thema „Schule“ statt.

Der 50. Runde Tisch gegen Beschneidung von Mädchen fand seinen Abschluss in intensiven Fachgesprächen bei Kaffee und Kuchen.

Herzlichen Dank an das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung, dass die Kosten für diesen besonderen Runden Tisch NRW inklusive Bewirtung und Moderation übernommen hat.

Die Fotos machte Barbara Schmitz (www.barbara.schmitz.de)