Im allgemeinen wird der große Unterschied zwischen einer Mädchen- und einer Jungenbeschneidung betont. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, dass man da genauer hinschauen muss, dass es neben den Unterschieden auch einige Gemeinsamkeiten gibt. Die Organisatoren des Welttages der genitalen Selbstbestimmung  etwa schauen auf die Menschenrechte (Selbstbestimmung, körperliche Unversehrtheit, Gleichheitsgrundsatz, Recht auf gewaltfreie Erziehung) und verlangen deren Einhaltung für Mädchen, Jungen und intersexuelle Kinder gleichermaßen.

„Genitale Beschneidungen, ob an Jungen oder an Mädchen, sind ein Übergriff der älteren Generation auf das Geschlechtsorgan der Jüngeren. Der mit dem dichtesten Nervenzellennetz ausgestatttete, also sensibelste Teil des Organs wird entfernt oder stark beeinträchtigt mit irreversiblen Auswirkungen auf das sexuelle Empfinden. Genitalbeschneidungen stammen aus der gleichen kulturellen Wurzel einer patriarchalen Gesellschaftsordnung, die die junge Generation der Macht der älteren unterwirft. Es werden ähnliche Erklärungsmuster benutzt, um sie zu propagieren. Dahinter aber verbirgt sich eine zutiefst sexualfeindliche Grundhaltung. Bei beiden Geschlechtern tauchen Genitalbeschneidungen in Übergangsritualen auf. Genitalbeschneidungen an beiden Geschlechtern sind Riten aus grauer Vorzeit, die sich bis heute erhalten haben. Warum das so ist, lässt sich psychoanalytisch erklären, ebenso wie die Tendenz der Opfer zu verharmlosen, was ihnen widerfahren ist.

Größter Unterschied zwischen der weiblichen und der männlichen Beschneidung besteht im Wesentlichen in der unterschiedlich langen Aufklärungsgeschichte. Gegen die Mädchenbeschneidung gibt es seit den 70er Jahren weltweit Aufklärungskampagnen, die sich schon in vielen gesetzlichen Verboten niedergeschlagen haben. Die Jungenbeschneidung wird in Fachkreisen weltweit erst seit etwa 15 Jahren kritisch diskutiert. In Deutschland kam dies erstmal durch das Kölner Beschneidungsurteil 2012 in den Fokus der öffentlichen Diskussion.“

Renate Bernhard – freie Journalistin, Autorin mehrerer preisgekrönter Radio- und TV-Dokumentarfilmen zu weiblicher Genitalverstümmlung, Zwangsheirat, Ehre, Ehrverbrechen und deren Wurzeln in der patriarchalen Gesellschaftsordnung, hat eine Stellungnahme “Weibliche Genitalverstümmelung versus Jungen“beschneidung“ – Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.“ – Download PDF 142 kb – erstellt.

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