Buch-Rezension zu „Female Genital Mutilation – Medizinische Beratung und Therapie genitalverstümmelter Mädchen und Frauen“

Uwe von Fritschen,Cornelia Strunz, Roland Scherer(Hrsg.) 2020
Female Genital Mutilation – Medizinische Beratung und Therapie genitalverstümmelter Mädchen und Frauen
De Gruyter Verlag 2020, 218 Seiten; 42 Koautor:innen
Zielgruppe lt. Verlag: Chirurgen, Gynäkologen, Kinderärzte

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Uns hatte sehr interessiert, wie die OP-Methoden und die Leistungen des Desert Flower Centers dargestellt werden. Wir haben ein Rezensionsexemplar angefordert und erhielten ein gebundenes Buch, an dem zunächst die Vielfalt der Autor*innen auffiel.

Die Beträge machen eher den Eindruck, als hätten die Autorinnen nicht wirklich gewusst, für welches Buchprojekt sie schreiben. Wichtig aber war ja eigentlich der medizinische Teil, von dem wir Aufklärung über die genauen OP-Methoden von Dr. von Fritschen erhofft hatten,

 

Rezension 1 – von einer enttäuschten Patientin

Zunächst einmal möchten wir Bintou Kanumba, eine der Betroffenen, deren Schicksal wir oben beschrieben haben, zu Wort kommen. Sie hatte sich das Buch sofort gekauft, als es herauskam, es also schon gelesen, bevor wir uns damit beschäftigten:

“Ich bin eine ehemalige Patientin die aufgrund meiner Beschneidung im Desert Flower Center Berlin operiert wurde. Ich habe das Buch nach meiner Rekonstruktionsoperation gelesen, um mich mehr mit dem Thema Genitalverstümmlung von Mädchen und Frauen auseinander zu setzten.

Als ehemalige Patientin von Herrn Dr. Uwe von Frischen und Frau Dr. Cornelia Strunz empfand ich den Inhalt dieses Buches empörend und eine Frechheit gegenüber allen Frauen, welche sich bei diesen Ärzten haben operieren lassen.

Hier ein Beispiel aus dem Kapitel „Therapie“ welches den Leser:innen über die Psycho-sexualmdizinische Betreuung, Operative Techniken und postoperative Betreuung aufklären sollte, empfand ich als ehemalige Patientin sehr verstörend. Es wird von der Aufklärung und Entscheidungsmöglichkeiten der Patientinnen berichtet, allerdings habe ich das nicht so erlebt. Ich leide enorm unter den Folgen der Operation welches von Herrn Dr. Uwe von Fritschen durchgeführt wurde und eine gute adäquate postoperative Betreuung habe ich auch nicht erlebt. Des weiteren habe ich schwer unter den folgen der Operation gelitten, weshalb ich mich bei einem Experten aus Aachen erneut operieren lassen musste.

Aus diesen Gründen halte ich das Buch für moralisch verwerflich, voller Unwahrheiten und ungeeignet zur Weiterbildung und Aufklärung.

Rezension 2 – von Dr. med. Christoph Zerm, Gynäkologe

Teil 1 gibt allgemeine Grundlagen zum Thema FGM und Hinweise zum Umgang mit Betroffenen sowie zur psycho- sexualmedizinischen Betreuung
Teil 2 befaßt sich mit der Therapie
Kapitel 8: Operative Techniken mit den Unterkapiteln:
Vesiko-vaginale Fisteln und ihre Versorgung
Urologische Aspekte
Chirurgie unter einfachen Bedingungen
Deinfibulation

Ab Kapitel 8.5 ist der Autor Dr. Uwe von Fritschen, er beginnt mit „Rekonstruktion statt Defibulation“. Er stützt sich explizit vor allem auf die Technik von Pierre Foldès unter Verwendung des Elektro-Kauters und ohne Reintegration des Ramus clitoridis Nervi pudendi auf den mobilisierten Clitorisstumpf. S. 161: Die OP-Technik nach Foldès „bildet mit allenfalls leichten Modifikationen die Grundlage der derzeitigen Ansätze.“ Dazu gehören auch „zirkuläre Nähte zur Fixation der (mobilisierten) Klitoris“. Sodann erfolge eine „Inversion der Labia majora-Haut und deren Fixierung an der Symphyse oberhalb der Klitoris.“ Ein Neo-Präputium könne nur bei ausreichendem Überschuß an Narbenhaut gebildet werden. S. 168: „Das Präputium ist schwieriger zu korrigieren als die Elevation der Klitoris“. Die ästhetischen Ansprüche (eines unauffälligen Vulva-Bildes) der Betroffenen seien daher nicht sicher erfüllbar, ebenso die Zielvorstellung „gemäß Wunsch der Frauen“ nach einer deutlich sichtbaren Klitoris.

Fritschen beklagt, es liege bis jetzt „keine standardisierte OP-Technik“ vor. Er erwähnt die große Variationsbreite der Befunde bei den von FGM Betroffenen und deren unterschiedliche Erwartungen an eine operative Korrektur. Dabei verweist er (S. 153) auf Befragungen, denen zufolge sich nur 29% eine Behandlung der Schmerzsymptomatik, aber 81% eine Verbesserung des sexuellen Empfindens und 99% eine Wiederherstellung der körperlichen Integrität wünschen.

Das operative Ergebnis stellt Fritschen als schwer vorhersagbar dar, oft sei dies erst während der Operation abschätzbar. Foldès habe bei über 3000 Operationen nach ca. einem Jahr ungefähr ein Drittel der Operierten nachuntersuchen können. „Im überwiegenden Anteil konnte die clitorale Sensibilität verbessert werden“, was eine sehr unklare und wenig ermutigende Aussage darstellt.

Im Subkapitel 8.6 handelt Fritschen die „Rekonstruktion bei ausgedehnten Vulvadefekten“ ab. Dabei verweist er auf die Arbeiten von Wee und Joseph (Singapur) von 1989 „The pudendal thigh flap“, der dann auch als „Singapore-Flap“ bekannt wurde. 1992 hätten Woods et al. eine modifizierte Technik publiziert. Im Literaturverzeichnis verweist er mit Anmerkung 3 auch auf eine Publikation von Dan O´Dey et al. von 2010, geht aber mit keinem Wort auf die dadurch begonnene, jahrelange Praxis und Erfahrung ein. Im Gegenteil und in Nichtbeachtung der Ergebnisse von O`Dey gibt er die Problematik zu bedenken von „ausgedehnten Lappenplastiken und damit natürlich einer längeren Heilphase“, was durch die O`Dey-Technik so nicht mehr haltbar ist.

Die operativen Verfahren nach O`Dey bei den verschiedenen Indikationen sind klar definiert, standardisiert und inzwischen mit ihren hervorragenden Ergebnissen gut dokumentiert. Wenn von Fritschen auf die vielen Schwierigkeiten und Unvorhersagbarkeiten hinweist, wie oben zitiert, dann zeigt dies seine mangelnde Bereitschaft, sich mit diesen neuen Möglichkeiten näher zu beschäftigen und sie womöglich in enger Kooperation auch selber zu implementieren. Stattdessen behauptet er, die OP-Technik nach Foldès „bildet mit allenfalls leichten Modifikationen die Grundlage der derzeitigen Ansätze.“ Klarer kann man sich nicht positionieren. Sinngemäß gilt dies auch für die Vulva-Rekonstruktion, bei der lediglich auf Vorläufer-Erfahrungen (vor O´Dey) zurückgegriffen wird.