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Joachim Gauck: Bemerkenswertes Plädoyer für mehr Toleranz und zugleich Intoleranz

Zwei Zitate aus dem Interview mit Joachim Gauck

“Es ging mir darum, den Toleranzbegriff zur Debatte zu stellen, für einen erweiterten politischen Debattenraum und für eine kämpferische Toleranz zu werben.”

“Die Grenze ist überschritten, wenn jemand die Basis des Grundgesetzes verlässt, wenn jemand die Rechtsordnung nicht mehr achtet. Aufforderungen zu Hass, Frauenverachtung, Homophobie, Antisemitismus darf man nicht ertragen. Ein Beispiel: Nicht wenige zugewanderte Frauen aus Afrika sind von Genitalverstümmelung betroffen. Traditionen wie diese muss man nicht akzeptieren, da wäre Verständnis der falsche Weg. Mein Buch ist der Versuch, die Debatte über das Thema Toleranz ernst zu nehmen und zu erweitern.”

Weiterlesen: Lokalkompass

Engagement

Ferienbeschneidungen“: TERRE DES FEMMES macht im August verstärkt auf bedrohte Mädchen aufmerksam

Die Sommerferien sind eine Hochrisikozeit für in Deutschland lebende, von weiblicher Genitalverstümmelung bedrohte Mädchen. Denn Viele fahren mit ihrer Familie zum Beispiel in ihr Herkunfstland, wo sie sich der Praxis kaum entziehen können.

TERRE DES FEMMES-Referentin Charlotte Weil und CHANGE Trainerin Fatou Diatta klären u.a. im ZDF heute journal darüber auf, wieso auch heute noch so viele Mädchen und junge Frauen bedroht sind. Weibliche Genitalverstümmelung findet auch in Deutschland statt, ist hier aber illegal und strafbar, egal wo sie durchgeführt wurde.

Seit der Gründung 1981 setzt sich TERRE DES FEMMES gegen weibliche Genitalverstümmelung ein. Das von uns koordinierte EU-Projekt Let’s CHANGE hat zum Ziel, hiesige Diaspora-Communitys zum Thema zu sensibilisieren und aufzuklären.

Helfen auch Sie, bedrohte Mädchen vor weiblicher Genitalverstümmelung zu schützen, indem Sie…

…auf das Thema aufmerksam machen und das Tabu brechen.
…wachsam sind, gerade wenn Sie im medizinischen, sozialen oder pädagogischen Bereich mit Mädchen und Frauen zusammenarbeiten.

Quelle: TERRE DES FEMMES, Webseite

Großbritannien: Anzahl identifizierter FGM-Fälle

Across England there were 6,415 women and girls identified in 2018/19 as having had FGM, and 4,120 of those were new cases. An age breakdown was not provided for new cases, but more than half of all women and girls identified as having undergone FGM (3,895) did not have their age recorded or it was not known. The figures reveal 380 were aged under 12 months at the time their FGM was carried out. A further 685 were aged between one and four years old and 805 were aged between five and nine years old.

Weiterlesen: Devon Live

Länderinformation

Saudi-Arabien: 20% der Frauen sind beschnitten

Untersucht: 963 Frauen zwischen 17 und 75 Jahren

Untersuchungszeitraum: Dezember 2016 bis August 2017

Anzahl Prozent
Untersucht Frauen zwischen 17 und 75 Jahren 963
Mit FGM/C 175 18,2 %
Typ I und II 37 21,1 %
Typ III 11 6,3 %
Typ IV 46 26,3 %
Unkenntnis über eigenen Typ 81 46,3 %
Kenntnisse über FGM/C 89,6 %
Keine Kenntnisse über FGM/C 2,3 %
Nationalität Saudi 79,1 %
Religion Islam 100,0 %
Singles 48,1 %
Mit Universitätsstudium 58,6 %

 

Studie Results In a convenience sample of 963 women aged 18 to 75 years, 175 (18.2%) had undergone FGM/C. Compared with women without FGM/C, women with FGM/C were older, married, non-Saudi and had a lower monthly income. Thirty-seven (21.1%) women had had FGM/C with some cutting of body parts (type I or II), 11 (6.3%) with suturing (type III), 46 (26.3%) with no cutting of body parts (type IV) and 81 (46.3%) did not know their type of FGM/C. There was also a significant association between nationality and age at which FGM/C was performed, with Saudi women undergoing the procedure earlier than Egyptian, Somali, Yemeni and Sudanese women.

During the 7 month recruitment period, 1000 women attending the clinics were approached regarding participation in the study, of which 963 (96.3%) consented. As seen in table 1, the women’s average age was 28.9 (range 18 to 75) years, the majority (79.1%) were Saudi, and all were Muslims. Close to half were single (48.1%), 58.6% had some university education or had completed a university degree. Slightly less than half (42.0%) of the women were current students, while about a third (28.5%) were employed, full- or part-time. Close to one in five women (18.2%) self-reported having FGM/C, while 3.3% did not know. Most of the women in this sample had heard of FGM/C (89.6%), but 2.3% were unsure.

Komplette Studie weiterlesen: British Medical Journal

 

Europa

Österreich: Salzburg für Null-Toleranz-Strategie

Die Stadt Salzburg hat sich in einer Resolution im Gemeinderat einstimmig für eine Null-Toleranz-Strategie gegen weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation/ FGM) ausgesprochen.

„Jetzt kommt die Ferienzeit, und ich appelliere an alle Menschen in Salzburg: Schweigen Sie nicht, wenn Sie nur den geringsten Verdacht haben, dass die Freundin ihrer Tochter oder die Tochter ihrer Freundin vielleicht in den Ferien beschnitten werden soll“, sagt Stadträtin Anja Hagenauer. Das gleiche gelte für das Thema Zwangsheirat. “Es gibt Anlaufstellen, die Mädchen und junge Frauen zuverlässig davor bewahren – wenn sie und die Betroffenen davon erfahren”, ergänzt Hagenauer.

Verdachtsmeldungen können anonym gemacht werden. “Das Jugendamt kann auch dann tätig werden, und man muss sich nicht ausdrücklich deklarieren“, erläutert die Gleichbehandlungsbeauftragte der Stadt, Alexandra Schmidt.

Das Kindergarten- und Hortpersonal der Stadt Salzburg wurde geschult im Umgang mit Verdachtsfällen und im entschiedenen Auftreten dagegen. Im Austausch mit dem Jugendamt hat eine Wiener Expertin – selbst mit afrikanischen Wurzeln – das Case Management jetzt optimiert.

In enger Kooperation mit dem Frauengesundheitszentrum werden in Salzburg als einzigem Bundesland neben Wien sogenannte “FGM-Peers” ausgebildet, die gegen die Verstümmelung in ihrer eigenen Community offen auftreten. Dieses Projekt wird vom Außenministerium finanziert. Derzeit werden weitere Maßnahmen überlegt, um die jungen Mädchen entsprechend zu schützen.

Quelle: meinbezirk.at

Länderinformation

Sri Lanka: Kämpferin für Frieden und gegen FGM/C

Moderate Frauen wie Shreen Saroor haben es in der radikalisierten Gesellschaft Sri Lankas schwer. Ihre eigene Community zeige für ihren Kampf gegen Verschleierung, Genitalbeschneidung, Kinderheirat und Polygamie wenig Verständnis, erklärt die Aktivistin.

Weiterlesen und hören: Deutschlandfunk Kultur

Europa

Österreich: Mitteilungspflicht in Novellierung des Bundes-Kinder- und Jugendhilfegesetzes

Die kijas begrüßen die Mitteilungspflicht durch die Änderung des Bundes-Kinder- und Jugendhilfegesetzes, schlagen aber dringend einen anderen Zeitpunkt vor und plädieren für begleitendes Infomaterial.

Die Kinder- und Jugendanwaltschaften Österreichs begrüßen die geplante Novellierung des Bundes-Kinder- und Jugendhilfegesetzes, wodurch die bestehende Mitteilungspflicht von Krankenanstalten bei konkretem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung an den Kinder- und Jugendhilfeträger konkretisiert und verdeutlicht werden soll. Demzufolge hat unverzüglich eine schriftliche Mitteilung an den Kinder- und Jugendhilfeträger zu erfolgen, wenn sich in Ausübung einer beruflichen Tätigkeit im Rahmen der Geburt oder der Geburtsanmeldung in einer Krankenanstalt der begründete Verdacht ergibt, dass das Wohl eines Kindes, dessen Mutter bereits Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung geworden ist, erheblich gefährdet ist, und diese konkrete Gefährdung des Kindes anders (z. B. durch Beratung und Information über medizinische und rechtliche Folgen) nicht verhindert werden kann.

Weiterlesen Kinder und Jugendanwaltschaft Salzburg

Medien

Theater: „My Body Belongs to Me“ – ein Stück über weibliche Genitalverstümmelung

Eine gute Stunden lang berichten sechs Frauen aus ihrem Leben. Zwischendurch singen sie Lieder, die in ihrer Heimat zu feierlichen Anlässen gesungen werden. Einer dieser feierlichen Anlässe ist die Genitalverstümmelung. Die Frauen sind Opfer dieser Tradition geworden.

Jetzt stehen sie beim Festival Theaterformen auf der Bühne und erzählen, wie es bei ihnen war und was es für sie bedeutet. Am Ende Vorstellung erheben sich die Zuschauer von ihren Sitzen und applaudieren im Stehen. So würdigen sie den Mut der Frauen, offen über das Thema zu sprechen. Wie heikel das Ganze ist, verrät auch der Umstand, dass das Publikum vor der Veranstaltung mehrfach aufgefordert wird, keine Film- und Fotoaufnahmen zu machen, die dann eventuell in den sozialen Netzwerken auftauchen könnten.

Weiterlesen Hannoversche Allgemeine

Europa

Niederlande: Doppelt so viele Frauen betroffen

Frauenbeschneidung kommt öfter vor als gedacht: 41.000 Frauen in den Niederlanden sind genitalverstümmelt

Frauenbeschneidung kommt in den Niederlanden fast doppelt so häufig vor, wie bisher angenommen. Die Genitalien von schätzungsweise 41.000 Frauen sind verstümmelt. Auch die Anzahl der Mädchen, die von Verstümmelung bedroht sind, ist viel höher als erwartet.

Das geht aus einem Report von Pharos und dem Erasmus Medical Center in Rotterdam hervor. Pharos ist ein auf Gesundheitsfragen spezialisiertes Wissenszentrum. Der Bericht wurde im Auftrag des Gesundheitsministeriums erstellt. Die Beschneidung von Frauen ist in den Niederlanden seit 1993 verboten, wird aber erst seit 2006 aktiv verfolgt. Dies hat, soweit bekannt, noch nicht zu Verurteilungen geführt.

Gesundheitsminister Hugo de Jonge (CDA) bezeichnet die Beschneidung von Frauen als “erniedrigend”. Er erklärt, dass Angehörige der Gesundheitsberufe Anzeichen von Verstümmelung der Polizei elden müssen.

Pharos war 2012 noch davon ausgegangen, das 29.000 Frauen eine Form von Genitalverstümmelung erlitten haben. Die Zahl der Mädchen, die in den kommenden fünfzehn Jahren von Verstümmelung bedroht sind, wird auf 600 bis 3.800 geschätzt. Nach Anpassung des verwendeten Berechnungsmodells kommt Pharos nun auf eine viel höhere Schätzung. Das Institut gibt an, dass 41.000 Frauen verstümmelt sind und das 4.200 Mädchen in Gefahr sind, verstümmelt zu werden. Sie sind besonders gefährdet, wenn sie ins Heimatland ihrer Eltern oder in eines von beiden Eltern reisen.

Kultureller Brauch

Im vielen Ländern ist (eine Form von) weiblicher Beschneidung ein kultureller Brauch. Dazu gehören Somalia, Ägypten, Äthiopien, Eritrea, Sudan und der Irak. In den Niederlanden kommen 95.000 Frauen aus Ländern, in denen die Beschneidung von Frauen vorkommt. Pharos schätzt aufgrund neuester Informationen über Beschneidung in den betroffenen Ländern, das 43 Prozent von ihnen das durchgemacht haben.

In den Niederlanden ist weibliche Genitalverstümmelung – oder Frauenbeschneidung – strafbar, ungeachtet des Ortes an dem die Beschneidung stattfindet. Es wird als eine schwere Form des Kindesmissbrauchs angesehen. In den Niederlanden wohnen 38.000 Mädchen unter 19 Jahre mit mindestens einem Elternteil aus einem Land, in dem Frauenbeschneidung vorkommt. Pharos schätzt, dass 4.200 von ihnen in den kommenden 20 Jahren von Beschneidung bedroht sind

Komplikationen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet vier Typen der Beschneidung von Frauen, die von einem Einschnitt in die Klitoris bis zur vollständigen Entfernung von Klitoris und der Schamlippen reichen, wonach die verbleibenden Genitalien zugenäht werden. Bei diesen Formen der Verstümmelung besteht bei Frauen ein hohes Risiko für Komplikationen wie Harnwegsinfektionen, Entzündungen, Probleme beim Geschlechtsverkehr und psychische Beschwerden.

In den Niederlanden wurde die Beschneidung von Frauen im letzten Jahrzehnt von der VVD-Politikerin Ayaan Hirsi Ali auf die Tagesordnung gesetzt. Sie war als Asylbewerberin aus Somalia in die Niederlande gekommen. Nach ihrem Politikstudium war sie von 2003 bis 2006 in der Zweiten Kamera für den VVD und befasste sich mit dem Thema Frauenunterdrückung im Islam. Sie sprach dabei auch über die Beschneidung, die sie selbst als Mädchen durchgemacht hat.

2006 sagte sie darüber dem Volkskrant: ‘Als sie mit mir gesprochen hatten als ich 5, 6, 7 Jahre als war, hatte sich das ganz anders angehört. Aber für mich waren die Konsequenzen besser als erwartet. Zuallererst starb ich nicht, während viele Mädchen daran sterben. Ich nehme mir viel mehr Zeit zum Wasserlassen als unbeschnittene Frauen, und Sex zu haben kann für mich etwas komplizierter sein. Aber die Gefühle sind er, er ist er verdient, ich kann einen Orgasmus bekommen. Nicht weit entfernt zu sein, das Meer hat überhaupt keine Genitalien. Mein Glück ist auch gefegt, dass ich von einem Mann beschnitten worden bin. Die Mine ist milder. Nicht alle Formen der weiblichen Beschneidung sind schrecklich, aber sie sind alle gleichermaßen zu beanstanden.”

Übersetzung: Günter Haverkamp
Original-Artikel: de Volkskrant

Medien

Dokumentationsfilm: Little Stones

Mit Rap, Graffiti, Tanz und Mode setzen sich vier Künstlerinnen für Frauenrechte weltweit ein. Die preisgekrönte Dokumentation begleitet sie bei ihrem Kampf gegen Genitalverstümmelung und häusliche Gewalt und für die Würde von Sexarbeiterinnen.

Gewalt gegen Frauen ist ein globales Problem. Diese Künstlerinnen wollen das nicht länger hinnehmen. Sister Fa, eigentlich Fatou Mandiang Diatta, ist eine senegalesische Rapperin und Aktivistin. Sie engagiert sich gegen die weibliche Genitalverstümmelung in Afrika. Mit ihrer Stimme trägt sie dazu bei, dass das Tabu rund um die schmerzhafte und gefährliche Praxis gebrochen wird. Panmela Castro ist eine brasilianische Graffitikünstlerin, die mit ihrer Kunst gegen die alltägliche häusliche Gewalt in brasilianischen Favelas aufbegehrt. Die indische Tänzerin Sohini Chakraborty, nutzt ihre Tanzkunst um Sexarbeiterinnen zu therapieren, die Opfer sexueller Gewalt wurden. Sie hilft den Frauen, sich in ihrem Körper wieder wohl zu fühlen und ihre Traumata zu heilen. Die junge Amerikanerin Anna Taylor hat bereits als Studentin ein Modelabel in Afrika aufgebaut. ‚Judith & James‘ heißt das Label. In Armut lebende Frauen in Kenia erhalten eine Ausbildung als Näherinnen und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Mit den von ihnen genähten Kleidern debütierte Anna Taylor bei der New Yorker Fashion Week. Die vier portraitierten Künstlerinnen erzählen Geschichten des Gelingens und des Mutes in einer oftmals trostlos anmutenden Welt.

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