Wir haben uns schon oft beim Runden Tisch NRW mit dem Thema verpflichtende Früherkennungsuntersuchungen, die sogenannten U-Untersuchungen, beschäftigt. Wichtig sind aber auch die Schuleingangsuntersuchung und die Erstuntersuchung bei Flüchtlingen.

Der Wunsch, dass Kinder gründlich untersucht werden, macht Sinn: Neben den wichtigen gesundheitlichen Gründen, die dafür sprechen, sind es die Prävention gegen sexualisierte Gewalt und weibliche Genitalbeschneidung.

 

Voraussetzungen

Die untersuchenden Kinderärzt*innen müssen über ein fundiertes Wissen darüber verfügen, in welchen Ländern und von welchen Ethnien die Beschneidung praktiziert wird, um erkennen zu können, wer potentiell betroffen oder gefährdet ist.

Eine eingehende Genitaluntersuchung muss als Bestandteil der Vorsorgeuntersuchung etabliert werden, um die Unversehrtheit der Genitalien festzustellen und eine Verletzung entsprechend dokumentieren zu können. Für eine gewissenhafte Untersuchung sollte die notwendige Zeit zur Verfügung stehen.

Interessant ist, dass bei den Untersuchungen J1 und J2 die Tanner-Stadien B1 bis B5 zur Einteilung der Geschlechtsentwicklung festgestellt werden. Beurteilt wird zum Beispiel die Schambehaarung, die Entwicklung der Brüste, die Größe der Hoden. Zur Untersuchung J1 können die Jugendlichen ihre Eltern mitbringen. Bei der J2 dürfen die Eltern nicht mitkommen, eine vertrauensbildende Maßnahme.  


Die Frage ist, warum erst bei Jugendlichen diese eingehenden Untersuchungen vorgenommen werden, wo doch sexualisierte Gewalt und weibliche Genitalbeschneidung oft viel früher droht.

 

Die Verpflichtung fehlt

 

Die Teilnahmequoten an der U1 und U2 erreichten 2015 fast 100 % und an der U8 und U9 noch über 98 % der Kinder (Studie KiGGS Welle 2). Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status und Kinder mit beidseitigem Migrationshintergrund nehmen die Früherkennungsuntersuchungen etwas seltener wahr.

Solange die Vorsorgeuntersuchungen nicht verpflichtend sind, muss damit gerechnet werden, dass die Vermeidung bei den Bevölkerungsschichten stark ausgeprägt ist, die sich damit schwer tun. Das kann sowohl weibliche Genitalbeschneidung als auch sexualisierte Gewalt betreffen. Wichtig ist also das Wort „verpflichtend": Es darf für die Eltern kein Zweifel daran bestehen, dass ihre Kinder an den U-Untersuchungen teilnehmen müssen. 

 

In Nordrhein-Westfalen ist die Verordnung zur Datenmeldung der Teilnahme an Kinder-Früherkennungsuntersuchungen von 2008 maßgeblich.

Die Aufgaben der Zentralen Stelle nimmt das Landeszentrum Gesundheit NRW wahr.

 

§ 3 SGB bestimmt:  

 „Liegt auch drei Wochen nach Erinnerung für die jeweilige Früherkennungsuntersuchung – bei der U 5 sechs Wochen nach Erinnerung - keine Teilnahmemeldung vor, informiert die Zentrale Stelle den für den Wohnsitz des Kindes zuständigen Träger der öffentlichen Jugendhilfe. (…) Der örtliche Träger der öffentlichen Jugendhilfe entscheidet in eigener Zuständigkeit, ob gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes vorliegen und welche Maßnahmen gegebenenfalls geeignet und notwendig sind. Hierbei können die übermittelten Daten als weiterer Indikator herangezogen werden. Dabei empfiehlt sich die Zusammenarbeit insbesondere mit den Trägern des öffentlichen Gesundheitsdienstes und anderen Behörden, Trägern, Einrichtungen und Personen, die Verantwortung für das Kindeswohl tragen."

Das weitere Vorgehen muss bekannt und eingeübt sein. Es muss eine geeignete Form des Ansprechens trainiert werden. Den Familien sollte deutlich gemacht werden, dass in den folgenden Untersuchungen ein deutliches Augenmerk darauf verwendet wird, dass die Genitalien unversehrt sind.

Weiterführende Maßnahmen müssen angebahnt werden, damit sie zeitnah ergriffen werden können: fachliche Weiterversorgung, Weiterarbeit durch Erziehungsberatungsstelle an dem Thema, erhöhte Aufmerksamkeit bei den folgenden Untersuchungen.  

Verpflichtend sind die Vorsorgeuntersuchungen in Baden-Württemberg, Hessen und Bayern. In Bayern wird die Auszahlung des Landeserziehungsgeldes an die Teilnahme an die U6 und U7 geknüpft.

Quelle: TDF e.V. (Hg.): Mädchenschutz - U-Untersuchungen #esistnichtallesrosarot, Berlin 2018.

 

Schuleingangsuntersuchungen

Neben den U-Untersuchungen ist die Schuleingangsuntersuchung wichtig. Darin vorgesehen ist eine Besprechung der Gesundheitsvorgeschichte des Kindes und ein Entwicklungsscreening mit körperlicher Untersuchung. Durchgeführt werden die Schuleingangsuntersuchungen gem. SchulG § 54 von den Schulärzt*innen des zuständigen Gesundheitsamtes.

Es wäre eine vertiefte Betrachtung der Genitalien durchaus möglich, wenn die entsprechenden Regelungen getroffen und vor allem die durchführenden Schulärzt*innen ausreichend geschult wären.

Die Schuleingangsuntersuchung wird mit einem Elterngespräch abgeschlossen. Dort werden ggf. weitere Behandlungsempfehlungen gegeben und Fördermöglichkeiten besprochen. An dieser Stelle wäre es möglich, Familien aus den Ländern, in denen Mädchenbeschneidung durchgeführt wird, zu beraten. Es kann darauf hingewiesen werden, dass es in Deutschland ein grundsätzliches Verbot gibt, welches bei Missachtung zur Betrafung bis hin zu 15 Jahren Gefängnis führen kann.

Da nach dem Gespräch die schulärztliche Stellungnahme verschriftlich wird, und diese sowohl die Eltern als auch die Schulen erhalten, könnte man die Aufmerksamkeit auf das sensible Thema der weiblichen Genitalbeschneidung auch in den Schulen lenken und somit viel Leid verhindern.  

Hier könnte das Ministerium für Schule und Bildung NRW angesprochen werden.

 

Erstuntersuchungen von Flüchtlingen

Asylsuchende haben sich in unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit der Registrierung gemäß § 62 Asylgesetz (AsylG) einer verpflichtenden Gesundheitsuntersuchung zu unterziehen.

Darin heißt es eindeutig, dass Flüchtlinge verpflichtet sind, „eine ärztliche Untersuchung auf übertragbare Krankheiten einschließlich einer Röntgenaufnahme der Atmungsorgane zu dulden".

Die Eingangsuntersuchung beinhaltet: Anamnese, ggf. Blutentnahme, Dokumentation, Röntgen, Thorax, Befundung und Befundübermittlung, Impfungen.

 

Aber das Mädchen, die eine Beschneidung erlitten haben, dringend ärztlichen Beistand brauchen, wird offenbar nicht berücksichtigt.

Vielleicht hat es Frank Ulrich Montgomery, damals Präsident der Ärztekammer 2015, auf den Punkt gebracht:

"Viele der Flüchtlinge haben traumatisierende Erlebnisse hinter sich, die Mädchen wurden beispielsweise Opfer von Vergewaltigungen oder sind genital beschnitten. Da muss man sehr, sehr vorsichtig sein und aufpassen, dass man nicht in die Privatsphäre dieser schutzsuchenden Menschen eingreift. Das ist nicht die Willkommenskultur, die ich mir in Deutschland vorstelle."

 

Beispiele in anderen Ländern

Österreich:

Der Mutter-Kind-Pass bzw. die darin vorgesehenen Untersuchungen sind gesetzlich nicht vorgeschrieben. Der lückenlose Nachweis aller Untersuchungen ist aber Voraussetzung für die Gewährung des vollen Kinderbetreuungsgeldes ab dem 21. Lebensmonat.

Belgien:

Erhält ein Mädchen wegen des Schutzes vor Beschneidung die Asylanerkennung, unterzeichnen die Eltern eine Ehrenerklärung. Darin bestätigen sie, dass sie über Kenntnisse des belgischen Rechts verfügen und verpflichten sich, ihre Tochter vor jeglicher Form der Beschneidung zu schützen. Die Eltern müssen ihre Tochter jedes Jahr einer ärztlichen Untersuchung unterziehen, um feststellen zu lassen, dass ihre äußeren Genitalien noch unversehrt sind.

Niederlande

Die medizinischen Untersuchungen finden bis zum 4. Lebensjahr  in Institutionen der Jugendgesund-heitsbehörde statt.  Die Eltern erhalten eine Einladung zur Teilnahme von der Gemeinde. Die Teilnahme ist freiwillig.

 

Schweden

Es sind 10 freiwillige Untersuchungen bis zum 5. Lebensjahr vorgesehen. Fast alle nehmen daran teil.

 

Schweiz

Es gibt 12 Vorsorge-untersuchungen bis zum 14. Lebensjahr. Es gibt keine Verpflichtung, sondern eine Empfehlung der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie.

Quellen