Welche Begriffe sind ‘richtig’ – Genitalverstümmelung oder weibliche Genitalbeschneidung?

Es gibt zwei Begriffe, die in der Praxis verwendet werden: die Abkürzung FGM (Female Genital Mutilation) und damit die deutsche Bezeichnung Genitalverstümmelung und FGC (Female Genital Cutting) die Bezeichnung für weibliche Genitalbeschneidung oder Mädchenbeschneidung. Oft wird inzwischen als Abkürzung auch FGM/C (Female Genital Mutilation / Cutting) verwendet. Das ist ein Kompromiss zwischen den beiden, sich manchmal unversöhnlich gegenüberstehenden Gruppen. Alle sind sich einig, dass im Kontakt mit den betroffenen Menschen sensible Wörter benutzt werden sollen.

Jawahir Cumar berichtete aus ihrer Praxis, dass die betroffenen Frauen den Begriff “Genitalverstümmelung” rundweg ablehnten. Sie fühlten sich nicht “verstümmelt” und es wäre für diese Frauen eine Belastung.

Günter Haverkamp erzählte, dass er als Journalist gemeinsam mit Kolleg*innen Tagungen organisiert hat rund um “Sprache und Krieg”, um die Berichterstattung zu sensibilisieren. 1995 hatte er miterleben können, wie Behinderte versuchten, das ZDF davon zu überzeugen, dass sie keine “Sorgenkinder” sind. Es dauerte lang, bis aus “Aktion Sorgenkind” “Aktion Mensch” wurde.

Wir lasen verschiedene Texte, die sich mit dem Begriff auseinandersetzen und die hier gesammelt sind. Einerseits hat TERRE DES FEMMES sich eindeutig in dem Text für den Gebrauch von “Genitalverstümmelung” ausgesprochen, macht aber deutlich, dass im Beisein mit den Betroffenen der Begriff “weibliche Genitalbeschneidung” gewählt werden sollte, um die Frauen nicht zu verletzen. Ähnlich beschreiben es die Gynokolog*innen und ein Artikel in der Ärztezeitung.

Nun ist es aber so, dass wir nichts ohne die Betroffenen tun und tun wollen. Denn unser Ziel ist ja, gemeinsam mit ihnen gegen diese Tradition zu kämpfen. Es gibt also keine Situation, in der wir losgelöst von ihnen die harten Begriffe verwenden können. Das gilt besonders Politik und Medien gegenüber.

Jawahir Cumar machte es deutlich: Sie hatte unmittelbar nach dem Mittwoch-Talk ein Studiogespräch in WDR-Lokalzeit. Sie würde von “ihren” Frauen, mit denen sie so intensiv zusammenarbeitet einiges zu hören bekommen, würde sie von “Verstümmelung” sprechen.

Am Beispiel eines Leitfadens wurde das Problem deutlich. Erschienen ist er vor einigen Jahren mit Verwendung des Begriffes “Genitalverstümmelung”. Nun würde ein erklärender Text vornweg gestellt, dass mit dem Begriff gegenüber Betroffenen Vorsicht geboten ist. Warum aber, und dass sagt auch der Gynokolog*innen-Verband, das Wort im Text überhaupt benutzen, um dann von den Lernenden die Leistung abzuverlangen, es nicht zu benutzten?

Wir konnten gemeinsam darstellen, dass der Begriff “Genitalverstümmelung” in den 90er Jahren und sicher auch noch in den ersten Jahren unseres Jahrtausends eine wichtige Rolle spielte und dazu diente, Bewusstsein für die Tragweite der Menschenrechtsverletzung zu erzeugen. Inzwischen aber, wo alle Medien zu allen Zeiten das Thema breit darstellen, ist die Schärfe aus dem Begriff gewichen und er ist nicht mehr nötig.

Was aber ist nun der richtige Begriff? Wir müssen auf die Suche gehen und einen Begriff finden, der alle zufrieden stellt. Eins ist nämlich sicher: Der Streit um den richtigen Begriff hat schon soviel Energie geraubt, die wir besser gemeinsam in die Arbeit gegen die… ja was denn?… stecken sollten.