Ärztezeitung: Mit dem Begriff sensibel umgehen!

„Wir müssen als Staat und Zivilgesellschaft alles Erdenkliche tun, um das furchtbare Verbrechen, das weltweit tausendfach begangen wird, zu verhindern“, warb Staatssekretär Dr. Ralf Kleindiek erst im Februar für mehr Aufklärung, Prävention und Strafverfolgung. Er tat dies gemeinsam mit der Organisation Terre des Femmes unter dem Schlagwort „Genitalverstümmelung“. Liest man Schilderungen von Beschneidungen, liegt der Begriff „Verstümmelung“ tatsächlich nahe. Auch die WHO verwendet ihn (female genital mutilation).

Ärzte in Deutschland und auch aus den Herkunftsländern gehen differenzierter vor und beziehen die betroffenen Mädchen und Frauen sowie die Kulturen, aus denen sie kommen, in die Begrifflichkeit ein. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zum Beispiel weist in ihren Empfehlungen zum Umgang mit beschnittenen Patientinnen ausdrücklich darauf hin, dass es die Frauen seelisch verletzen kann, spricht der Arzt von Verstümmelung. Auch die Deutsche Gesellschaft für Pflegeberufe rät zu einer sanften Ansprache.

Die BÄK diskutiert das Thema derzeit im Zuge der Novellierung der Musterweiterbildungsordnung. Ob medizinische Fakultäten in Deutschland die Beschneidung schon in den Lehrplänen stehen haben, ist beim Fakultätentag nicht bekannt. Die Vertreter der Gesundheitsberufe haben gleichwohl erkannt, dass die Frage der Perspektive sehr wohl eine Rolle spielen kann. Motto: Ein Amputierter sieht sich genauso wenig als Krüppel wie ein uneheliches Kind als Bastard. Das sind in anderen Zeiten geprägte Stereotypen, die längst überwunden sein sollten.

Fana Asefaw ist Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie. Sie stammt aus Eritrea, hat an der Berliner FU über weibliche Beschneidung promoviert und wirbt für eine kultursensible Betrachtung des Themas, für einen Blick, der die Würde der betroffenen Frauen bewahrt. Um die Praxis der Beschneidung aus der Welt zu schaffen, sei unabdingbar, sich mit den Werten, die symbolisch für die weibliche Genitalbeschneidung stehen, auseinanderzusetzen – ohne dabei die schwer wiegenden Folgen für die betroffenen Frauen zu vernachlässigen, schreibt die entschiedene Gegnerin der Beschneidung in ihrer Dissertation. In den Gesellschaften, wo sie praktiziert werde, stifte die Beschneidung Identität und werde damit trotz gesundheitlicher Komplikationen in Kauf genommen, sagte Asefaw dem Züricher „Tagesspiegel“.

Ganzer Artikel: Ärztezeitung 15.03.2017