Defibulation – Anleitung zur Operation

Infibulierte Frauen müssen zur vaginalen Entbindung „eröffnet“ (defibuliert) werden. Idealerweise sieht ein Arzt in Deutschland seine Patientin schon während der Schwangerschaft, also lange vor der Entbindung, so dass er ihr zu einem sozusagen zweizeitigen Vorgehen raten kann. Die Eröffnung (Defibulation) findet dann bereits in der Frühphase der Schwangerschaft statt. Dies ist trotz Schwangerschaft verantwortbar, auch wenn eine Narkose erforderlich ist, denn der Eingriff dauert nur kurz und vor allem wird hierdurch eine hinreichend sorgfältige Schwangerschaftsüberwachung möglich. Ein weiterer Vorteil dabei ist, dass die Wunde zum Zeitpunkt der Entbindung gut verheilt ist und die Geburt weitestgehend komplikationslos verlaufen kann. Als Nachteil kann von einigen Frauen empfunden werden, dass sich hierdurch zwei Eingriffe – die Defibulation und die Entbindung – ergeben. Der Arzt sollte die Patientin ausführlich und einfühlsam beraten. Auf Wunsch der Patientin können Familienmitglieder bei den Gesprächen anwesend sein. Ansonsten gilt natürlich die ärztliche Schweigepflicht.

Die kleine Öffnung bei infibulierten Frauen liegt in den allermeisten Fällen dorsal, also nach hinten zum Damm hin. Zwei Finger bzw. eine Gefäßklemme werden unterhalb der Inzisionszone eingeführt. Mit der Schere wird in Richtung des Mons pubis bis zur Darstellung der Urethra in Medianebene eröffnet. Dabei ist wichtig darauf zu achten, dass die Urethra und die Klitoris, die noch vorhanden sein kann, geschützt werden. Die Wunden werden mit einer überwendlichen Naht oder mittels Einzelknopfnaht (Verschluss Stich für Stich am Wundrand jeder Seite) mit selbst resorbierendem Faden der Stärke 3-0 oder 4-0, zum Beispiel Vicryl rapid, versorgt. Die Defibulation ist vergleichsweise unblutig, da das Narbengewebe nur wenig vaskularisiert und von Nervenbahnen durchzogen ist. In 20-30 Prozent der Fälle findet sich eine unversehrte Klitoris. Der Grund mag darin liegen, dass viele Beschneiderinnen ein beeinträchtigtes Sehvermögen haben und/oder durch die Blutungen der Wunde kaum noch etwas erkennen können, erschwert durch mangelnde anatomische Kenntnisse.

Nach der Entbindung darf die Patientin nicht reinfibuliert werden.
Das wird selbst in vielen Prävalenzländern so gehandhabt. Was aber ist zu tun, wenn sich die Patientin explizit wünscht, reinfibuliert zu werden? Soll dann ihr „freier“ Wille respektiert werden? Bei diesem Punkt kam es auf der Fachtagung zu einer lebhaften Diskussion. Die Reaktion der Teilnehmerinnen und Teilnehmer war einhellig: Es handele sich hier nicht um den freien Willen der Frau, sondern um einen verinnerlichten gesellschaftlichen Zwang. Dieser sollte durch Aufklärung des familiären Umfeldes so weit wie möglich gemildert werden. Für manch eine Patientin mag es sogar eine Motivation sein, sich zur Entbindung in ärztliche Hände zu begeben, wenn sie weiß, dass sie danach eben nicht wieder infibuliert wird. Es würde der ärztlichen Ethik widersprechen, wenn ein Zustand herbeigeführt wird, der eine Verschlechterung der gesundheitlichen Situation darstellt.

Dr. med. Christoph Zerm,  Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in “Leitfaden für medizinische Fachkräfte” stop mutilation e.V., 2013