Zwei Fälle aus der Praxis

Eine sudanesische Medizinstudentin kam mit immer wiederkehrenden heftigen genitalen Schmerzen im Sinne einer schwerwiegenden Dyspareunie in meine Sprechstunde. Sie gab an, sie sei derart verstümmelt worden, dass ihr ein normaler Geschlechtsverkehr unmöglich sei, und bat aus diesem Grund um eine Deinfibulation. Die psychosomatische Befunderhebung ergab eine schwerwiegende Traumatisierung: Im Alter von elf Jahren war sie während einer Abwesenheit ihrer Eltern von der eigenen Großmutter gewaltsam entführt und in die Praxis eines Arztes verschleppt worden. Dort wurde sie festgebunden und beschnitten. Nichts und niemand hatte sie auf diese Tortur vorbereitet. Die spätere körperliche Untersuchung ergab, dass eine Klitoridektomie vorgenommen worden war. Der Scheideneingang war nicht beschädigt und die erhebliche Dyspareunie dadmit sicher auf das seelische Trauma zurückzuführen.

Eine verheiratete Sudanesin möchte sich beraten lassen. Außer “leichten Problemen” beim Geschlechtsverkehr habe sie keinerlei Beschwerden. Die Beschneidung war in der Familie vorher durchaus kontrovers diskutiert worden. Sie selbst hatte ein Mitspracherecht. Während der Zeremonie hielt ihr der Vater die Hand. Sie sei froh, dass bei ihr nur eine milde Form der Beschneidung durchgeführt worden sei. Die körperliche Untersuchung ergab später, dass die Patientin eine komplette Infibulation erlitten hat – mit Klitoridektomie und Exzision. Der Scheideneingang ist nicht passierbar. Auf der Rückseite der Hautbrücke wird bei der späteren Deinfibulation ein großes Geschwür als Ausdruck eines länger bestehenden Urinstaus gefunden.

aus: Über das Fremde in uns und den Umgang mit genitalverstümmelten Frauen, Dr. med. Sabine Müller, Frauenärztin