Text: Sara beim Arzt

In den einfühlsamen Interviews, die Isabelle Ihring führte, erklärt Sara ihre Probleme mit Arztbesuchen:

Mit dieser ersten Schwangerschaft schlägt ihr Ehemann Sara vor, die Schwangerschaft gynäkologisch begleiten zu lassen. Er selbst begleitet sie zu der Untersuchung. Sara beschreibt bereits diesen Vorschlag als befremdlich, da sie bis dahin noch nie von Gynäkolog_innen gehört hatte. Sie habe sich trotz dieser Verwunderung jedoch auf den Vorschlag ihres Mannes eingelassen und sei zum Gynäkologen gegangen.

S: Genau. Ich wollte mich am Anfang auch nicht ausziehen! In Somalia gibt es keinen Frauenarzt! Das war das allererste Mal in meinem Leben, dass ein Arzt, also ein Mann gesagt hat, dass ich mich ausziehen soll! (lächelt) Das ist schlimm! […]Ja. Dann hat es zwei Stunden gedauert bis ich mich getraut habe. Mein Mann hat mich ein bisschen ermutigt und hat gesagt, spätestens bei Geburt muss ein Arzt kommen oder eine Ärztin um das Kind rauszuholen. Es spielt doch überhaupt keine Rolle, ob es ein Mann oder eine Frau ist, hat er gesagt. Ein Arzt ist ein Arzt und er hilft dir. Versuch es. Beim ersten Mal habe ich es nicht geschafft, aber beim zweiten Mal habe ich mich getraut.”

Sara ist an dieser Stelle aufgebracht, erhebt die Stimme beim Erzählen und wiederholt ,,ein Arzt, also ein Mann”, so als wollte sie sichergehen, dass ich gehört habe, dass es sich tatsächlich um einen männlichen Arzt handelte, der von ihr verlangte sich auszuziehen. Obwohl diese Geschichte lange Zeit zurück liegt, wird in diesem Moment des Erzählens noch deutlich, dass die damalige Situation, sich von einem fremden Mann gynäkologisch untersuchen zu lassen, Sara sehr beschämte. Es gelingt ihr beim ersten Besuch in der gynäkologischen Praxis nicht ihre Scham zu überwinden, trotz des guten Zuredens ihres Mannes. Offen bleibt, warum Saras Ehemann nicht bereits von Anfang an eine weibliche Gynäkologin aufgesucht hatte, das habe ich Sara nicht gefragt.

Als Sara schließlich ihre Scham überwindet, zeigt sich der Arzt schockiert:
S: ,,Arzt war schockiert. Sehr schockiert. Er hat gesagt ,,Wo soll das Kind raus kommen?”, dann hat er gesagt ,,sie braucht extra ( ), da muss man schneiden. Um Gottes Willen!” Er war halt wie die Deutschen, geschockt!” (lächelt)

Sara erzählt von dem schockierten Verhalten des Arztes, es scheint aber mehr als würde sie ihn im Rückblick dafür belächeln – damals vermutlich nicht, aber heute wo Sara die Reaktion von ,,den Deutschen” wie sie sagt, kennt, schmunzelt sie ein wenig darüber. Deutlich wird, dass im Augenblick der Untersuchungssituation zwei Vorstellungen aufeinander getroffen sind: Saras Vorstellung von ,,normalen” Genitalien und die des Gynäkologen.

Nachdem Sara von ihrer ersten gynäkologischen Untersuchung berichtet hat, beginnt ein langer Weg auf der Suche nach einem geeigneten Gynäkologen. Im Anschluss an diese erste Schwangerschaft und die erlittene Fehlgeburt berichtet sie von weiteren Komplikationen, die sich aus eben dieser ersten Schwangerschaft ergeben haben. Bei jedem Arztbesuch, ob bei niedergelassenen Gynäkolog_innen oder in Kliniken, sei sie immer wieder auf unwissende Arzt_innen gestoßen. Nach vielen entwürdigenden und beschämenden Erfahrungen mit deutschen Gynäkolog_innen trifft Sara auf einen Arzt dem sie Vertrauen aufbauen kann.

S: ,,Der erste Arzt war schockiert. Dem habe ich das dann halt erklärt, dass es unsere somalische Kultur ist. Er hat dann gesagt ,,Das ist ja schrecklich! Ihr armen Menschen” hat er gesagt. Ich erinnere mich noch genau. Und dann war er ganz vorsichtig, er hat immer wieder gesagt: „Es passt schon, ich tu Ihnen nicht weh, wir machen das ganz langsam!” […] Aber dann habe ich es geschafft, Gott sei Dank. Das war nicht so schwierig und er hat es auch ganz vorsichtig gemacht.”

Sara berichtet, dass auch dieser Arzt schockiert gewesen sei, der Unterschied jedoch gewesen sei, dass er sich für Saras Geschichte und den Hintergrund der Mädchenbeschneidung interessierte habe. Sie habe ihm ihre somalische ,Kultur’ erklären können. Außerdem berichtet sie, dass er vorsichtig mit ihr umgegangen sei und ihr die Untersuchungsschritte erklärt habe. Eine Lesart dieser Aussage könnte sein, dass die Gynäkolog_innen vorher weniger vorsichtig mit ihr umgegangen sind und ihr weniger erklärt haben. Möglich ist jedoch auch, dass die zugewandte Art, die Sara an diesem Gynäkologen zu schätzen scheint, dazu führt, dass sich Sara behutsamer begleitet fühlt. Laut Sara hat ihr die Tatsache, dass der Gynäkologe ihre Erklärung zur Praktik anhörte, vorsichtig mit ihr umgegangen ist und ihr die einzelnen Untersuchungsschritte erklärt hat, dabei geholfen, sich auf die gynäkologische Untersuchung einzulassen. Sie äußert sich erleichtert (,,Gott sei Dank”) darüber, am Ende auf einen Gynäkologen getroffen zu sein, der einen adäquaten Umgang mit ihr als beschnittener Frau gefunden hat. Das von Interesse und Empathie geprägte Verhalten des Arztes Sara gegenüber ermöglichte eine Untersuchung, von der Sara am Ende sagt: „Das war gar nicht so schwierig.”

aus “Weibliche Genitalbeschneidung im Kontext von Migration“ Isabelle Ihring, Budrich UniPress Ltd. 2015, Seite 108-109