Header Bild

Auch bei uns: Beschneidung als Therapie

Unter Federführung von James M. Sims (1813-1883) und Robert Battey (1826-1876) hatte sich zu Beginn der 1870er Jahre die Anschauung durchgesetzt, dass sich das Nervenzentrum der Frau in ihren Genitalien befinde. Die logische Schlussfolgerung daraus war die sogenannte “Battey-Operation”, mitthin die Kastration der Frau. Dadurch schinen auch operative Eingriffe bei allen weiteren möglichen Frauenleider gerechtfertigt. Eine solche Vorgehensweise harmonierte anscheinend mit einzelnen früheren experimentellen Studien deutschsprachiger Gelehrter. Denn die Annahme, dass die Entfernung der Klitoris eine Therapie von Geisteskrankheiten sein könne, war schon 1825 in Berlin verbreitet worden, 1866 schlug der Wiener Chirurg Gustav A. Braun (1829-1911) die Operation zur Bekämpfung der Masturbation vor. Der Neurologe Moritz Romberg (1795-1873) schließlich hatte 1840 bereits angenommen, die Hysterie sei eine aus den Genitalien entstandene “Reflexneurose”.

Quelle Medizin, Gesellschaft und Geschichte (MedGG) Band 26 – 2007, Jahrbuch des Institutions für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung.

Während des 19. Jahrhunderts und bis zu den 1940er und 1960er Jahren wurden in Europa und Nordamerika Klitoridektomien und andere operative Eingriffe wie Kauterisationen und Infibulationen an weiblichen Genitalien durchgeführt. Dies geschah, um vermeintliche weibliche „Leiden“ wie Hysterie, Nervosität, Nymphomanie, Masturbation und andere Formen so genannter weiblicher Devianz zu „heilen“. Der englische Gynäkologe Isaac Baker Brown propagierte 1866 in seinem Werk über die „Heilbarkeit verschiedener Formen des Wahnsinns, der Epilepsie, Katalepsie und Hysterie bei Frauen“ die Klitoridektomie als Behandlungsmethode. Durchaus bekannt war, dass die weibliche Libido durch derartige Eingriffe irreversibel beschädigt werden konnte. 1923 schrieb Maria Pütz in ihrer Dissertation:

„In drei mir speziell von Herrn Professor Dr. Cramer gütigst überlassenen Fällen trat nach Entfernung der Clitoris und einer teilweisen oder vollständigen Exzision der kleinen Labien vollständige Heilung ein. Masturbation wurde nicht mehr geübt, und selbst nach einer Beobachtungszeit von mehreren Monaten blieb der Zustand unverändert gut. Trotz dieser erfreulichen Resultate der Clitoridektomie bei Masturbation gibt es nun sehr viele Fälle, bei denen das Uebel durch irgend welche operative Eingriffe nicht zu beeinflussen ist […] Ein zweiter Einwurf der Gegner ist der, dass durch Herabsetzung der Libido auch die Konzeptionsmöglichkeit aufgehoben werde. Auch dieser Einwand ist unberechtigt; denn es steht fest, dass frigide Frauen, die den Coitus nur als Last empfinden und sich keiner sexuellen Befriedigung erfreuen, dennoch konzipieren und gesunde Kinder gebären.“

Quelle:  Wikipedia Kapitel “Neuzeit Europa und Nordamerika”